Dezember 20, 2019 9:25 am

Frauenmorde und -gewalt als Generationen- und Geschlechter-Thema

Meine Meinung als Mann

34 ermordete Frauen 2019 – und viele hunderttausende Kinder und Frauen, die (noch) nicht ermordet wurden – klagen an! 

Können wir diese Gewaltspirale gemeinsam stoppen und wenn ja – was ich doch hoffe – was kann jeder von uns gegen Gewalt beitragen?

Gewalt stoppen
Mir ist wichtig, dieses Gewaltphänomen der patriachalen Gewalt – also der Unterdrückung durch Gewalt – zu stoppen und diese Form von Gewalt, die sich gleichzeitig direkt oder indirekt gegen die Kinder richtet, endlich zu einem Präventions-Thema zu machen; und nicht erst zu thematisieren, wenn schon jemand ermordet wurde! 

Denn: Häusliche, familiäre bzw. Partner-Gewalt, die Opfer durch geliebte Personen erleiden, greift nicht nur den Körper an, sondern daran zerbrechen Menschen auch seelisch und psychisch.

Ein aussichtsloser Weg?
Aktuell ist es in Österreich so, dass die „Verantwortlichen“ außer Strafverschärfung und blutiger Schlagzeilen, keine adäquate Antwort auf diese überbordende Form der Gewalt in Partnerschaften und Familien anzubieten haben. Mit diesem aussichtlosen Weg verändern sie leider gar nichts, vielmehr erzeugen sie auf der Frauen- bzw. Opferseite noch mehr Ohnmacht und auf der gesellschaftlichen Seite pure Angst!

Entscheidend wäre Prävention, doch dazu fehlt vielen Verantwortlichen überhaupt das Wissen (nach wie vor hält sich der Mythos, Prävention kann jeder), der Mut dieses Thema ganzheitlich anzusprechen und – wie ich selbst wahrnehmen konnte – auch die Haltung, dass es zu diesem Gewaltphänomen alle braucht; nicht nur Frauen, sondern – und insbesondere – Männer, die bereit sind, als Vorbilder aufzutreten. 

Warum es Frauen und Männer braucht
Ich stärke und schütze als Mann seit vielen Jahren Kinder – und auch Erwachsene –, bin seit zwanzig Jahren „Vertrauensperson“ und somit Ansprechpartner auch für Frauen, die Gewalt erlebt haben und habe – als einziger Mann in Österreich – die Ausbildung „Stop-Fachkraft für sozialraumorientierte Prävention und Intervention bei Partnergewalt“ und werde – und das war für mich im Jahr 2019 sehr überraschend – noch immer bei Frauen als „Täter“ angesehen.

Das heißt, es ist aus der geschichtlichen Entwicklung und Haltung für viele – insbesondere Frauen – heute nicht unmittelbar möglich zu verstehen, dass – um dieses Gewaltphänomen mittel- bis langfristig zu reduzieren – unbedingt Männer dazugehören, weil sonst Frauen den Frauen, die noch nicht oder schon Opfer geworden sind, schaden!

Der zukünftige Weg muss also lauten:
Prävention, Prävention und noch einmal Prävention zusätzlich zum bisherigen Interventionsangebot, denn nur dann können und werden wir diese brutale Gewalt in den vier Wänden – die eigentlich Schutz bedeuten sollen – reduzieren und damit tausendfache kognitive und emotionale Schädigung und einhergehendes Trauma, das auch die Kinder als zuschauende, zuhörende und wahrnehmende Zeugen betrifft, eindämmen können.

Der aktuelle eingeschlagene Weg nur über Strafverschärfungen ist ein fataler Fehler, ein Schlag ins Gesicht jedes Opfers und eine schändliche Haltung gegenüber jenen – insbesondere Kindern – die noch nicht Opfer geworden sind.

Prävention & Intervention
Was wir absolut und rasch brauchen sind die Unterstützung bzw. der Ausbau der bereits bestehenden Interventionsangebote und – das wurde bisher sehenden Auges übersehen oder übergangen – im gleichen Ausmaß Präventionsangebote für Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer! Ohne diese gleichwertige und gleichberechtigte Parallelität von Prävention und Intervention, wird es nie gelingen, das Phänomen Partnergewalt zu reduzieren.

Das heißt, Präventionsmaßnahmen müssen sich an den Einflussfaktoren orientieren, die das Verhalten von in der Paarbeziehung viktimisierten Frauen und Männern bestimmen. 

Das bedeutet 

  1. vorrangig die Schaffung gewaltloser Lebensbiografien in der Generationenabfolge, um „gelernter“ Hilflosigkeit vorzubeugen; 
  2. es bedeutet die Stärkung der Persönlichkeit des Kindes zur Schaffung von Konfliktfähigkeit und 
  3. es bedeutet die Schaffung gesellschaftlicher Wahrnehmung, um Gewalt im sozialen Nahraum als das zu sehen, was sie ist: Gewalt, gegen die es sich gemeinsam zu wehren gilt.

Wünschenswert wäre daher eine breite politische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Thematisierung männlicher und weiblicher Gewalt in Paarbeziehungen, ein politischer Wille zur Finanzierung von Prävention für beide Geschlechter, mehr Öffentlichkeitsarbeit über das Ausmaß von Beziehungsgewalt sowie ein Präventionskonzept zur Bekämpfung von Männergewalt, da dafür „bislang keine Präventions-Strategie entwickelt wurde“. 

Die Familie: die gewalttätigste Institution
„Die Familie“, so hatte Murray Straus, ein bekannter amerikanischer Soziologieprofessor in den 90er Jahren einmal geschrieben, „ist für einen Bürger die gewalttätigste Institution, die man erleben kann“ (1990, S. 184); die Familie, ein geschlossenes System, eine Mischung aus abgekapselter, privater Atmosphäre, hoher gegenseitiger Verpflichtung und Anfälligkeit für extreme emotionale Stresszustände.

Gelernt ist gelernt
Den Risikofaktoren bei Beziehungsgewalt ist zu entnehmen, dass das Beobachten elterlicher Gewalt eine wichtige Rolle bei der Viktimisierung spielt. Beobachten Kinder wie ein Elternteil das andere misshandelt, können sie nicht nur lernen, Gewalt als (suboptimales) Kommunikationsmittel einzusetzen, sie können auch eine gewisse „Hilflosigkeit“ lernen, wenn sie sehen, dass sich der geschlagene Elternteil nicht aktiv wehrt.

Hypothese: Je häufiger Menschen in ihrer Kindheit erleben, dass es zu Gewalt zwischen den Eltern kommt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sowohl Frauen wie auch Männer in ihrer eigenen Gewalt-Beziehung passive Strategien zur Gewaltbewältigung wählen. D.h. sie haben gelernt, Gewalt zu normalisieren.

Zwei Arten von Gewalt in Paarbeziehungen: die situative Paargewalt und die patriarchale Gewalt
Michael P. Johnson von der Pennsylvania Universität, der viele Jahre über Gewalt in Paarbeziehungen geforscht hat, hat in vielen wissenschaftlichen Arbeiten (1993, 1995, 1999, 2000) immer wieder darauf hingewiesen, dass wir beim Auftreten von Gewalt in Intimbeziehungen zwei beschreibbare Erscheinungsformen unterscheiden müssen. 

Die beiden Typen von Paargewalt werden von Johnson nicht nach der Art und Weise der Gewalt oder der Häufigkeit ihres Auftretens unterschieden, sondern nur entlang einer paarbezogenen, psychologischen Beziehungsdimension. Die entscheidende Frage ist also nicht, ob die Gewalt gefährlich oder ungefährlich, brutal oder leicht ist, sondern: Ist die Gewalt Teil eines generellen Kontrollverhaltens, mit dem der Partner versucht, die Beziehung zu dominieren – ist die Gewalt ein Phänomen psychopathologischer Dynamik?

Situative Paargewalt
In der ersten Kategorie finden wir körperliche Gewalt als situatives, spontan auftretendes Konfliktverhalten. Bei Johnson (1995) heißt diese Form im englischen Original: common couple violence (gewöhnliche Paargewalt) oder intimate partner violence (intime Partnergewalt) oder situational couple violence (situative Paargewalt).

Diese Art von Gewalt kann von Paar zu Paar variieren, und auch innerhalb einer Paarbeziehung zeigt sie Unterschiede in verschieden Phasen der Auseinandersetzung. 

Wesentlich dabei ist, dass dieses Auftreten von Gewalt nicht an ein generelles Kontrollverhaltensmuster geknüpft ist, mit dem der eine Partner versucht, den anderen zu dominieren. Bestimmte Streitpunkte eines Paares eskalieren in ein plötzliches Überschwappen von verbaler Gewalt in körperliche, selten sexuelle Gewalt. 

Die patriarchale Gewalt
Das Merkmal dieser Form von Gewalt, die fast ausschließlich von Männern in heterosexuellen Beziehungen eingesetzt wird, ist, dass sie einen Teil eines wiederholt angewendeten, systematischen Gewalt- und Kontrollverhaltens durch den Mann darstellt. Beziehungen mit regelmäßiger schwerer Gewalt nennt man in der Fachliteratur auch „Misshandlungsbeziehungen“.

Die Gewalt- und Gewaltdrohung hat den Zweck, den anderen, d.h. in der Regel die Partnerin, in eine schwächere Position zu zwingen, um die eigene Machtposition zu erhalten oder auszubauen. Die dazu genutzten Machtstrategien sind physischer, psychischer, sexueller und ökonomischer Art. Häufig beginnend mit subtilen Formen der Aggression, zeigt sich in der Beziehung eine deutliche Zunahme der Gewalt mit Fortdauer der Beziehung.

Bei Johnson (1995) heißt diese Form intimer Gewaltausübung durch Männer: patriachal terrorism (patriarchaler Terrorismus) oder intimate terrorism (Intimitäts-Terrorismus).

Ziel all dieser Handlungen durch den Mann ist es, eine totale Kontrolle über die Partnerin und damit über die Beziehung zu erlangen. Diese Kategorie entspricht der Beschreibung eines „generell-gewalttätig-antisozialen“ Schlägers („generally-violent-antisocial“ batterer) von Holtzworth-Munroe und Stuart (1994).

Kosten
Die jährlichen tangiblen (direkten) Kosten dieser Gewaltform liegen nach verschiedenen europäischen Berechnungen bei ca. 200 Millionen Euro für Österreich. Wenn psychische Folgekosten berücksichtigt werden, liegen die Kosten bei schätzungsweise 1 Milliarde Euro und steigen bei Schätzungen zu den intangiblen (Verlust an Lebensqualität) Kosten auf bis zu 3,5 Milliarden Euro pro Jahr.

Zitate zum Thema Gewalt

Prof.in, Dr.in Barbara Kavemann
„Wir benötigen eine gesellschaftliche Diskussion darüber, wie Menschen vernünftig miteinander umgehen und wie Konflikte geregelt werden können. Es ist wichtig, dass man von klein auf lernt, Beziehung zu leben, Kompromisse zu schließen und vernünftig miteinander zu sprechen.“

Gro Harlem Brundtland  
Generaldirektorin Weltgesundheitsorganisation (2003) 

„Die Public Health (Gesundheitsförderung) hat in den letzten Jahrzehnten bemerkenswerte Erfolge erzielt, vor allem konnten zahlreiche Kinderkrankheiten erfolgreich eingedämmt werden. Doch die Public Health würde versagen, wenn sie unsere Kinder vor diesen Krankheiten rettete, nur um sie später zu Gewaltopfern werden zu lassen und sie an der von lntimpartnern ausgehenden Gewalt zugrunde gehen zu sehen.“

Nelson Mandela: 
„Gewalt gedeiht dort, wo die Achtung vor Menschenrechten fehlen! 
Wir sind es unseren Kindern, den schwächsten Bürgern einer jeden Gesellschaft, schuldig, dass sie ein Leben ohne Gewalt und Furcht leben können. Deshalb müssen wir unsere Anstrengungen nicht nur unermüdlich auf Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand richten, sondern diese Werte auch für die einzelne Gemeinschaft und für die Angehörigen derselben Familie anstreben.  
Wir müssen die Gewalt bei ihren Wurzeln packen. Nur so kann aus der erdrückenden Erblast eine warnende Lehre werden.“  

Günther Ebenschweiger
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PS:
Zum Thema „Häusliche, familiäre bzw. Partnergewalt“ entsteht gerade die Seite www.warnsignale.at.
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