9. März 2025
Die Verzweiflung sichtbar machen!

Es war ein Training, wie viele andere auch. Auf meine anonyme und vertrauliche Frage „Gibt es in dieser 3. Klasse ein Mädchen oder einen Buben, an denen schon länger und wiederholt Menschenrechte verletzt werden?“ wurden zwei Vornamen sehr oft genannt.
Bei der systemischen Intervention stand plötzlich ein betroffenes Mädchen auf und erzählte vor der Klasse, dem Klassenvorstand und vor mir, ihre bisherige Leidens- und Lebensgeschichte.
Plötzlich begannen viele Jugendliche in der Klasse zu weinen und die Emotionalität, die spürbar wurde, ist nicht zu beschreiben; es war so, als würde die Zeit still stehen.
Nach und nach begann fast die ganze Klasse zu reden und sie schütteten ihr Herz über ihre Verzweiflung aus. War es der Tod eines geliebten Menschen oder Tieres, die Trennung der Eltern, die Gewalt an ihnen oder zwischen den Eltern, die Angst auch Opfer zu werden und das Mobbing in der Klasse.
Nach über einer Stunde reden, trösten, zuhören, war es zwar still im Raum, Erleichterung war spürbar und gleichzeitig hatte nicht nur ich das Gefühl, als würde die Sonne aufgehen, denn die Jugendlichen selbst hatten das bedrückende Leiden sichtbar gemacht.
Durch meinen Beruf weiß ich, dass – wenn man hinter die Kulissen des Lebens blickt – es viele unterschiedliche Realitäten in der Gesellschaft gibt, vieles unausgesprochen bleibt und daher Verzweiflung nicht sichtbar ist.
Ein betroffenes Mädchen, 12 Jahre, schrieb mir dann diese Zeilen, die zeigen, wie wichtig es ist, dass Leiden und die Verzweiflung der Kinder und Jugendlichen sichtbar zu machen!
LG Günther