9. Juni 2025
Stoppen wir Radikalisierung & Extremismus

Ich habe gestern über Radikalisierung als Prozess geschrieben und werde jetzt anhand eines meiner persönlichen Beispiele die Problematik erklären. Eine Professorin ruft mich an und schildert mir diese Situation: „Heute kam ein Bub aus der Unterstufe zu mir als Vertrauenslehrerin und erzählte, dass sich eine Oberstufenklasse morgens immer mit dem Hitlergruß und „Heil Hitler“ begrüßt. Kannst du mir einen guten Rat geben?“
Ich habe sie um Folgendes gebeten: „Sie solle zum Direktor gehen, aber nicht den Namen des Buben erwähnen, sondern sagen, dass sie das anonym erfahren hätte. Das Gymnasium sollte mit den Professor:innen die Aufmerksamkeit bei dieser Klasse erhöhen und wenn sie das selbst wahrnehmen, sollte der Direktor eine Anzeige erstatten.
Wenn sie aber den Buben als „Zeugen“ nennen, wird der Schüler – vielleicht auch nach einem Gespräch mit den Eltern und zu seiner eigenen Sicherheit – seine Aussage abschwächen, umdeuten oder ganz zurückziehen. Dieser Alarmismus hat zur Folge, dass ziemlich sicher kein strafbarer Tatbestand mehr erkennbar sein wird, aber gleichzeitig wird dieser Bub stigmatisiert; und ganz ehrlich, ich möchte dann nicht in seiner Haut stecken.
Solche Fälle erlebe ich schon in Volksschulen, in Unter- und Oberstufen, bei Lehrlings- und Deutsch-Ausbildungskursen und überall das gleiche hilflose Szenario nach Alarmismus als Reparatur, ohne Ansatz von Prävention und einer Lösung für die Gesellschaft.
Was in Österreich fehlt, sind ausreichend finanziell und personell mit theoretisch fundierten und praktisch erfahrenen Trainer:innen ausgestattete Präventionsstellen, die den Schulen, den Organisationen, den Gemeinden, den Vereinen … für Mobbing-, Gewalt- und Radikalisierungs-Prävention zur Seite stehen.
Solange die Politik Prävention nicht ernst nimmt, werden Organisationen mit dem von mir sehr oft gehörten Spruch: „Dann sind zumindest WIR die Extremisten los!“ mit Alarmismus reagieren, wo möglich, die Jugendlichen kündigen oder entlassen, während sich die Radikalisierungsprozesse im Untergrund verstärken und zukünftig viel Gewalt und Leid verursachen.
LG Günther