17. Juli 2025
Dissoziation als Überlebensmechanismus

Im Hinblick auf die Amok-Tat in Graz, möchte ich den Begriff Dissoziation, der für Betroffene häufig mit viel Leiden verbunden ist, kurz etwas bekannter und verständlicher machen.
Dissoziation ist ein anderes Wort für Spaltung und bedeutet, dass das, was eigentlich zusammengehört, auseinanderfällt. Ein zusammengehörender psychischer Vorgang zerfällt in einzelne Teile und ist nicht mehr voll bewusstseinsfähig.
Dissoziation ist also ein Bewältigungsmechanismus, der dazu dient, traumatische Erlebnisse, die so belastend sind, dass sie vom Alltagsbewusstsein einer Person nicht integriert werden können, erträglich zu machen.
Was Dissoziation bewirkt ist, dass die unerträgliche Angst oder auch unerträgliche Körperempfindungen (Schmerzen) in erträgliche überführt werden. Was für den Moment Rettung bedeutet, schafft aber langfristig eine kritische Situation, denn daraus können sich Symptome, die unter dem Begriff „Posttraumatische Belastungsstörung“ bekannt sind, entwickeln.
Typische Merkmale sind beispielsweise wiederholtes Erleben des Traumas in Flashbacks oder Träumen, Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, Vermeidungsverhalten, akute Ausbrüche von Angst, Panik, gelegentlich Aggression, Zustände von Übererregtheit, übermäßige Schreckhaftigkeit oder auch Depressionen und Suizidgedanken.
Pierre-Marie-Félix Janet (ein französischer Philosoph, Psychiater und Psychotherapeut) hat geschrieben: „Ein Trauma, das nicht realisiert wird, muss stets aufs Neue reinszeniert werden. Realisiert – und damit wahr – wird ein Trauma, wenn der Mensch darüber sprechen kann, ohne gefühlsmäßig darin zu versinken.“
Ich möchte alle Betroffene, aber insbesondere Buben und Männer ermutigen, sich dem heilsamen Prozess des Erinnerns zu stellen und Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn die Folgen einer ablehnenden „Männlichkeit“ zeigen sich vielfach erst Jahre später.
LG Günther