19. Oktober 2025

Einsicht auf Kommando verhindert Einsicht!

„Siehst du’s wenigstens ein?“, „Sei doch nicht so uneinsichtig!“, „Warum willst du einfach nicht einsehen, dass …?“,  „Wann wirst du endlich mal vernünftig?“, „Na, wenigstens siehst du’s jetzt ein!“. Vielleicht kommt dir irgendeiner dieser Sätze bekannt vor, denn Einsichts(auf-)forderungen sind feste Bestandteile von Erziehung und Pädagogik.

Bei einem meiner letzten „Achtung-Mobbing!“-Trainings, bei dem es drei Mobbing-Opfer in einer Klasse gab, hat der Klassenvorstand den mobbenden Buben und Mädchen „ins Gewissen geredet“ und sie danach gefragt, ob sie das jetzt „einsehen“!

Die Jugendlichen haben zwar alle mit dem Kopf genickt, aber für mich war klar, dass der Pädagoge hier in die klassische „Einsichtsfalle“ getappt war. Einsicht kann man nicht erzwingen, Einsicht ist das Ergebnis eines Prozesses, der nicht auf Kommando passiert und schon gar nicht auf Befehl.

Einsicht ist also das unkontrollierbare Ergebnis vieler gelungener Interaktionen und wenn es passiert, siehst du es in den Augen, im Gesicht und in der Körperhaltung der Kinder und Jugendliche und du hörst es an der Stimme und an der Argumentation. 

Was du dabei nicht hörst, ist das Wort Einsicht. Es geht nicht darum, Einsicht abzulehnen. Es geht darum, Einsicht nicht zu verlangen; und das ist schwer genug. Eltern und (Elementar-)Pädagog:innen machen sich damit abhängig, weil uns „einsichtige“ Kinder und Jugendliche Recht, Anerkennung und Bestätigung vermitteln und wir das als Selbstwirksamkeit erleben.

Einsichtsforderungen lösen bei Kindern, Jugendlichen und Schüler:innen eher Wut aus und zerstören manchmal sogar vorhandene Ansätze von Einsicht. Außerdem sind Kinder und Jugendliche es ihrem Stolz und ihrer Würde schuldig, ihre Einsicht nicht zur Schau zu stellen.

Da aber nur persönlich erlebte Konsequenzen – am besten als emotionale Berührung – nachhaltige Verhaltensänderungen bewirken, verhindern wörtliche Einsichts(auf-)forderungen oft den gewünschten Erfolg und „fördern“ bei Eltern und Pädagog:innen Hilflosigkeit!

LG Günther