13. Januar 2026

Eine „ruhige“ Klasse

In diesem Schuljahr wurde ich für ein dreitägiges Training in einer 3. Klasse Volksschule gebucht. Am Ende der ersten drei Stunden fragte ich die Schüler:innen anonym: „Wie geht es mir, wie fühle ich mich in dieser Klasse?“ und bot den Schüler:innen fünf Noten an: Note 1 – „Mir geht es sehr gut!“, Note 2 – „Mir geht es gut!“, Note 3 – „Es gibt von anderen Schüler:innen ein Verhalten, mit dem ich nicht einverstanden bin!“, Note 4 – „Ich bin von einem solchen Verhalten persönlich betroffen!“ und Note 5 – „Ich habe Angst, in diese Klasse zu gehen!“

Acht Schüler:innen haben die Frage mit der Note 1, vier Schüler:innen mit der Note 2, sechs Schüler:innen mit der Note 3, zwei Schüler:innen mit der Note 4 und zwei Schüler:innen mit der Note 5 beantwortet.

Die Klassenlehrerin kam sichtbar emotional berührt zu mir und sagte: „Günther, jetzt bin ich sehr betroffen! Es gab im Vorjahr viele Probleme mit Schüler:innen, aber die Schulsozialarbeiterin hat mit der Klasse gearbeitet und seitdem habe ich die Klasse als „ruhige Klasse“ wahrgenommen; diese Noten schockieren mich jetzt!“

Für mich war diese Situation verständlich, weil – um in einer Klasse als Zwangskontext (Zwangsgemeinschaft) gruppendynamische Veränderungen zu ermöglichen – braucht es eine systemische Ist-Zustands-Analyse, um anschließend mit universellen, selektiven oder indizierten Präventionsmaßnahmen und bei Bedarf einer Intervention, einen Perspektivenwechsel von dissozialen zu prosozialen Haltungen und Handlungen zu reaktivieren.

Wenn das nicht passiert, lernen die (mit-)betroffenen Kinder im Zwangskontext Klasse, dass ihnen die Erwachsenen nicht wirklich helfen und die mobbenden oder gewaltausübenden Kinder lernen, dass sie mehr oder weniger unantastbar sind.

Daraus folgt, dass die unmittelbar von Mobbing und/oder Gewalt betroffenen Kinder und auch die mittelbar betroffenen Kinder – die „Zuschauer:innen“ – als Bewältigungsstrategie zu schweigen gelernt haben und Außenstehende, wie eben diese Klassenlehrerin, eine „ruhige“ Klasse erlebt, ohne zu wissen, was wirklich hinter dieser Schweigemauer passiert.

LG Günther