5. Januar 2026

Gewaltprävention braucht Strukturen – keine Wahlreden!

Wenn Gewalt und Mobbing an Schulen zunehmen, folgt die politische und mediale Debatte oft einem bekannten Muster: Forderungen nach klareren Regeln, härteren Sanktionen und mehr individueller Verantwortung. Was dabei regelmäßig ausgeblendet wird, sind die strukturellen Bedingungen, unter denen Gewalt überhaupt entsteht. 

Kindergarten und Schule sind Zwangskontexte, denn Kinder verbringen dort viele Stunden täglich in sozialen Gruppen, die sie sich nicht aussuchen können und aus denen es keinen Rückzug gibt. Gewalt ist unter diesen Bedingungen nicht überraschend. Überraschend ist vielmehr, wie hartnäckig diese Rahmenbedingungen ignoriert werden.

Wer Gewalt ausschließlich als individuelles Fehlverhalten behandelt, verschiebt Verantwortung von Systemen auf Kinder. Sanktionen mögen politische Handlungsfähigkeit suggerieren, sie ersetzen aber keine Prävention. Strafen können einzelne Vorfälle beenden, sie verändern jedoch weder Gruppendynamiken noch Situationen, die Gewalt begünstigen.

Wenn Politik Gewalt ernsthaft reduzieren will, braucht es mehr als Wahlreden. Es braucht kleinere Lerngruppen, verlässliche Beziehungsarbeit, Zeit für pädagogische und persönliche Reflexion, multiprofessionelle Teams und verbindliche Konzepte zur Bearbeitung von Gruppendynamiken. Vor allem braucht es den Mut, anzuerkennen: Gewaltprävention ist eine Strukturfrage, keine Charakterprüfung von Kindern.

Ohne strukturelle Verantwortung bleibt jede Verschärfung symbolisch. Wer Kinder in solche Systeme setzt und anschließend moralisch bewertet, verschärft genau das Problem, das er zu lösen vorgibt. 

Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Wie bestrafen wir Gewalt? Sondern: Unter welchen Bedingungen wird Gewalt wahrscheinlich – und was tun wir, um diese Bedingungen zu verändern und zu verbessern?

LG Günther