23. Januar 2026

Kollektive Respektlosigkeiten

Respektlosigkeiten von und an Kindern begleiten mich täglich. Die Grenzen verlaufen fließend, und wie so oft sind es die vermeintlich kleinen Sticheleien, die den Anfang markieren und oft genug dazu führen, dass sich Gruppen kollektiv respektlos verhalten.

Tatort Schule: Sebastian (12) hat seine Eltern verloren und lebt bei Pflegeeltern. Das nehmen Schüler:innen als „Aufhänger“ zum Anlass und er wird von seinen Mitschüler:innen schon seit längerem ausgeschlossen und beleidigt: „Du bist nur ausgeliehen!“, „Deinen echten Eltern bist du egal.“, „Keiner will dich!“ uam. Daraus bildete sich eine Mobber:innen-Gruppe, die mit ihren Kommentaren immer verletzender wurde. 

Für Sebastian war es peinlich, seinen Eltern oder einem Lehrer von den Anfeindungen zu erzählen, er hasste sich selbst dafür und er fühlte sich mit jedem Tag ausgegrenzter und minderwertiger.

Das Mobbing gegen Sebastian ist ein klassisches identitätsbezogenes Stigmatisierungs-Mobbing. Nicht er steht im Fokus, sondern ein abweichender Aufhänger („Pflegekind“), das von der Gruppe instrumentalisiert wird, um Unsicherheit in der Klasse zu verbreiten und ihre Macht zu stabilisieren.

Was bei Sebastians Geschichte eine entscheidende Rolle spielt, ist der Gruppenzwang. Mitmachen ist leichter als Ausscheren. Die meisten Mitschüler:innen beleidigen ihn, weil es andere auch machen und weil man sich der Mehrheit anpasst, um ihr anzugehören. 

Dafür zu sorgen, dass junge Menschen lernen, Empathie zu empfinden und sich in Konfliktsituationen angemessener Mittel zu bedienen, ist eine Aufgabe von Erziehung. Respekt als kollektiven Wert zu vermitteln, ist jedoch auch Bestandteil der Verantwortung der Gesellschaft. 

LG Günther