26. Januar 2026
Warum dauert ein Training zehn Schulstunden?

Seit Schulbeginn im Herbst 2025 habe ich in der Steiermark, in Niederösterreich, in Wien, in Osttirol und in Oberösterreich neben 31 „Achtung-Mobbing!“-Trainings viele Eltern-Informationsabende und Fortbildungen für Elementar- und Pädagog:innen, Hortleiter:innen, und Nachmittagsbetreuer:innen umgesetzt und ich wurde gefühlt rund 100 Mal gefragt, warum dieses Training in Volksschulen acht bzw. neun Stunden und ab der Unterstufe zehn Stunden dauert?
Mobbing ist kein Einzelereignis, sondern ein komplexes, dynamisches Gruppengeschehen. Es entsteht und wirkt im System einer Gruppe (im Kindergarten) und Klasse, eingebettet in Beziehungen, Rollen, Machtverhältnisse und unausgesprochene Regeln. Genau deshalb braucht wirksame Mobbing- und Gewaltprävention Zeit: Zeit zum Wahrnehmen, Verstehen und verantwortungsvollen Handeln.
Die ersten fünf Schulstunden mit Präventions- und Interventionsmaßnahmen sind essenziell, um die Situation in der Klasse überhaupt zu erfassen. Wer ist wie betroffen? Welche Rollen haben sich etabliert? Wo wird geschwiegen, wo weggeschaut, wo stabilisiert das System problematische Dynamiken? Diese Fragen lassen sich nicht in Übungen oder gut gemeinten Appellen beantworten, sondern nur durch sorgfältige Beobachtung, Gespräche, Analysen und einen respektvollen Zugang zu allen Beteiligten.
Von Mobbing betroffene Kinder und Jugendliche haben die Erwartungshaltung, dass ihnen geholfen wird – und das ist bei weniger Stunden schlichtweg nicht möglich – und daher besteht die Gefahr, dass diese Schüler:innen sekundärviktimisiert werden; also als Opfer, nochmal Opfer werden. Kinder oder Jugendliche, die mobben, haben gleichzeitig die Erwartungshaltung, dass sie nicht „entdeckt“ werden und würden – weil eine geringe Zeit dafür zu kurz ist – nicht identifiziert und tatsächlich gestärkt werden.
Mobbing ernst zu nehmen heißt, die Illusion aufzugeben, man könne komplexe Gewaltphänomene „kurz abhaken“. Kinder und Jugendliche verdienen Angebote, die sie stärken – nicht solche, die unbeabsichtigt bestehende Machtverhältnisse festigen. Qualität in der Präventionsarbeit zeigt sich daher nicht in der Kürze, sondern in der Professionalität.
LG Günther