9. Februar 2026
„Günther, kannst du mir die Notrufnummer für meine Mama wiederholen?“

Bei meinen systemischen Trainings erkläre ich Kindern auch die unterschiedlichen Gewaltformen; körperliche, verbale, psychische und sexualisierte Gewalt. Bei einem dieser Trainings fragte mich leise ein achtjähriges Mädchen: „Günther, kannst du mir die Notrufnummer für meine Mama wiederholen?“
Für mich war das eine unglaublich erschütternde Szene und gleichzeitig sagte die Frage dieses Mädchens mehr als tausend Worte. Kinder spüren sehr genau, hören und sehen auch, dass etwas nicht stimmt. Trotzdem sprechen viele nicht darüber. Nicht, als Zeichen von Unwissenheit, sondern weil Schweigen für sie oft sicherer ist als Reden.
Kinder sind abhängig von Erwachsenen und sie wollen ihre Bezugspersonen schützen, niemanden „verraten“ und vor allem: die Beziehung nicht verlieren. Besonders bei patriarchaler oder sexualisierter Gewalt kommen Scham und Schuldgefühle hinzu und dazu kommt: Für das, was sie erleben, fehlen ihnen die Worte.
Was Erwachsene dann häufig tun, ist gut gemeint – aber nicht hilfreich. Sie beruhigen mehr sich als das Kind mit („Das war sicher nicht so schlimm“), bohren als Vorwurf nach („Warum hast du nichts gesagt?“) oder reagieren schockiert und emotional. Für Kinder ist das ein klares Signal: Darüber spricht man besser nicht.
Meine gewaltpräventiven Einsätze wirken nicht nur, weil sie wirksam sind, sie wirken auch, weil meine Arbeit Beziehung ermöglicht, und genau das hat das Mädchen gespürt und mich nach der Notrufnummer gefragt.
Als Mama, Papa, Pädagog:in … bitte ich Sie: Bleiben Sie aufmerksam, bleiben Sie ansprechbar und schaffen Sie im Alltag kleine, verlässliche Gesprächsmomente. Hören Sie zu, auch wenn das Gesagte unbequem ist und holen Sie sich selbst Unterstützung, wenn Sie unsicher sind.
Schutz beginnt nicht mit perfekten Reaktionen, Schutz beginnt dort, wo Erwachsene sagen – und meinen: Ich bin als emotional verfügbare Bezugsperson für dich da!
LG Günther