13. März 2026

Manchmal braucht es Anonymität, damit Wahrheit ausgesprochen wird!

In meinen Mobbing- und Gewalt-Präventions- und -Interventions-Trainings stelle ich am Ende des 1. Tages eine einfache, aber entscheidende Frage: „Gibt es in eurer Klasse ein Mädchen oder einen Buben, an der:dem seit längerem und wiederholt Menschenrechte bzw. Regeln verletzt werden?“ Die Antworten erfolgen anonym und vertraulich, weil Anonymität einen geschützten Raum schafft. 

Viele Kinder und Jugendliche möchten helfen, haben aber Angst vor Konsequenzen, Loyalitätskonflikten oder davor, selbst zur Zielscheibe zu werden. Wenn sie ihre Beobachtungen anonym mitteilen können, steigt die Bereitschaft, Verantwortung für das soziale Klima in der Klasse zu übernehmen.

Warum dieser Schritt so wichtig ist, zeigt ein Beispiel aus der Praxis: In einer Schulklasse berichteten mehrere Schüler:innen anonym von einer Mitschülerin, die regelmäßig in Räumen der Schule ausgeschlossen, ausgelacht, beleidigt, gehänselt und sexuell belästigt wird. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte niemand etwas den Pädagog:innen gesagt. Erst durch die anonyme Rückmeldung wurde sichtbar, dass ein stilles Leiden existierte, das im schulischen Alltag übersehen worden war.

Für mich als Trainer entsteht dadurch ein realistischeres Bild der Gruppendynamik. Es geht nicht darum, Schuldige zu suchen, sondern gruppendynamische Muster zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Die Klasse kann reflektieren, welche Rollen entstehen, wie Ausgrenzung funktioniert und wie Unterstützung möglich wird.

Anonymität schafft einen geschützten Raum für Verantwortung. Kinder und Jugendliche können hinschauen und benennen, was im System passiert; ohne selbst zur Zielscheibe zu werden und dafür gibt es zwei passende Sprüche: „Wer die Wahrheit benennt, ist schuldig!“ und „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd!“

Für die Präventionsarbeit ist das entscheidend, denn es geht nicht darum, Mobber:innen zu entlarven, es geht darum, Dynamiken sichtbar zu machen, Betroffenen eine Stimme zu geben und der Klasse Verantwortung zu übertragen, denn wirksame Mobbingprävention beginnt dort, wo eine Klasse lernt: Wir schauen nicht weg!

LG Günther