20. April 2026

Hinsehen ist nicht genug: Mobbing aus pädagogischer Perspektive erkennen

Beinahe täglich werde ich von verzweifelten Eltern, manchmal auch Großeltern auf unterschiedlichen Ebenen kontaktiert, weil nach ihrem Verständnis die Tochter, der Sohn oder das Enkelkind Opfer von Mobbing ist, die „Schule“ aber meint, dass in der Klasse kein Mobbing wahrgenommen werde.

Pädagog:innen nehmen Situationen oft als einzelne Beobachtungen wahr, während Mobbing häufig in komplexe gruppendynamische Prozesse eingebettet ist. Innerhalb der Klasse übernehmen Schüler:innen unterschiedliche Rollen: einige initiieren, andere unterstützen, viele bleiben passiv. Diese sozialen Rollen sind oft nur durch gezielte Beobachtung über längere Zeit sichtbar.

Gerade dieses Schweigen oder Wegsehen stabilisiert die Dynamik, ohne unmittelbar als Problem sichtbar zu werden. Für Außenstehende kann eine Situation daher unauffällig wirken, obwohl sie Teil eines wiederkehrenden Musters ist. 

Ein weiteres zentrales Merkmal von Mobbing ist das Machtungleichgewicht. Ohne Wissen über die Vorgeschichte – also frühere Vorfälle, Beziehungen zwischen den Schüler:innen und wiederkehrende Dynamiken – bleibt die Einschätzung unvollständig.

Um Mobbing zuverlässig zu erkennen, braucht es daher nicht nur die situative Wahrnehmung, sondern kontinuierliche Beobachtung, Kontextwissen, Sensibilität für leise Signale, den aktiven Austausch mit den Beteiligten sowie das Verständnis der dahinterliegenden sozialen Prozesse.

Meine Bitte an Pädagog:innen ist daher, Beobachtungen nicht isoliert zu betrachten, sondern stets im Kontext von Beziehungen und gruppendynamischen Prozessen zu reflektieren sowie aktiv den Austausch mit den Eltern zu suchen.

LG Günther