2. April 2026
Wenn ein Jugendlicher dreimal ausgeraubt wird

Tageszeitungen berichteten gestern erneut über die deutliche Steigerung der Anzeigen bei Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren. Was in diesen Artikeln wieder fehlt, ist die Frage: „Wo bleibt eine Gewaltprävention mit systemischer Analyse und wissenschaftlicher Evaluierung, um Opfer zu vermeiden bzw. zu schützen?“
Eine Mutter schilderte mir kürzlich, dass ihrem Sohn bereits drei Mal das Handy geraubt wurde. Kein Streit, kein „Blödsinn“; sondern klarer Raub. Und trotzdem: keine Anzeige. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Angst. Angst davor, dass es danach im Umfeld noch schlimmer wird.
Wenn ein Jugendlicher dreimal ausgeraubt wird und trotzdem schweigt, dann haben wir es nicht mit einem Einzelfall zu tun. Wir haben es mit einem Systemdefizit zu tun und genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Viele Diskussionen über Jugendkriminalität drehen sich um Zahlen: Anzeigen steigen, Delikte nehmen zu oder ab. Doch diese Zahlen erzählen nur einen Teil der Realität. Sie zeigen das Hellfeld; das, was sichtbar wird. Was sie nicht zeigen, ist das Dunkelfeld: jene Fälle, die nie gemeldet werden, weil die Betroffenen Angst haben.
Gerade im Sozialraum Schule entsteht so eine gefährliche Dynamik. Täter:innen merken schnell, wer sich nicht wehrt; und wer schweigt, wird zum Ziel. Und wer einmal betroffen ist, wird oft auch ein zweites oder drittes Mal Opfer von Gewalt.
Gleichzeitig fühlen sich Opfer allein gelassen – zwischen Gleichaltrigen, die wegsehen, und Erwachsenen, die oft erst reagieren, wenn es „offiziell“ wird. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, ob Jugendkriminalität steigt. Die entscheidende Frage ist: „Wie viele Kinder lernen gerade, dass Wegschauen sicherer ist als Hilfe zu holen?“
Solange diese Angst stärker ist als das Vertrauen in den Schutz, werden viele Fälle unsichtbar bleiben: und genau das macht Gewalt so gefährlich!
LG Günther