28. Mai 2026

Nicht jeder Fliegenschiss braucht einen Elefanten  

„Im Vergleich zur Unendlichkeit ist unser Leben wie ein Fliegenschiss.“ Dieser Satz hat mich damals auf einem Kongress gleichzeitig irritiert und berührt. So drastisch formuliert, steckt darin eine unbequeme Wahrheit: Vieles von dem, was uns heute vollständig einnimmt, verliert aus größerer Perspektive erstaunlich schnell an Bedeutung.

In meiner systemischen Arbeit begegnet mir seit über 15 Jahren täglich ein anderes Phänomen: Menschen suchen Schuldige. In Familien, Teams, Partnerschaften oder Organisationen wird oft mit großer Energie geklärt, wer begonnen hat, wer versagt hat, wer „schuld“ ist. 

Aus kleinen Verletzungen entstehen monumentale Konflikte. Ein Missverständnis wird zum Beziehungskrieg, eine unbedachte Bemerkung zum dauerhaften Etikett und ein „Fliegenschiss“-Problem wächst zum Elefanten heran.

Vielleicht geschieht das, weil Schuld kurzfristig Orientierung gibt. Wenn jemand verantwortlich ist, scheint die Welt wieder geordnet, doch die Suche nach Schuld löst selten das eigentliche Problem. Sie bindet Energie an die Vergangenheit, statt Zukunft möglich zu machen.

Systemisches Arbeiten eröffnet hier eine andere Perspektive. Nicht: Wer ist schuld? Sondern: Was wirkt hier zusammen? Welche Muster halten den Konflikt am Leben? Und vor allem: Was würde helfen, damit Entwicklung wieder möglich wird?

Das bedeutet nicht, Probleme kleinzureden oder Schmerz zu ignorieren. Aber vielleicht täte uns allen etwas mehr Verhältnismäßigkeit gut, denn nicht jedes Ärgernis braucht ein Tribunal, nicht jeder Fehler einen Schuldigen und nicht jeder „Fliegenschiss“ verdient einen Elefanten.

LG Günther