3. Mai 2026
Niemand sagt: „Hier passiert Gewalt.“

Ein achtjähriges Mädchen – ich habe darüber schon geschrieben – fragte mich bei einem Training: „Kannst du mir die Notrufnummer für meine Mama wiederholen?“ Ich stelle mir vor, diese Mädchen hört die Stimmen der Eltern, vielleicht nicht laut genug, um es einen Streit zu nennen; aber anders als sonst. Vielleicht angespannter, denn das Kind versteht nicht, was genau passiert, doch es spürt, dass sich etwas verändert hat: Die Mutter ist leise geworden, der Vater gereizt.
Niemand sagt: „Hier passiert Gewalt.“ und doch geschieht etwas, nicht sichtbar, nicht eindeutig; aber wirksam. Das Kind passt sich an, es wird aufmerksamer, vorsichtiger, beginnt zwischen den Worten zu hören, es lernt, Stimmungen zu lesen, bevor sie ausgesprochen werden, und es lernt etwas, ohne dass es jemand erklärt: dass man sich besser zurücknimmt und dass es sicherer ist, Gefühle nicht zu zeigen.
Mit der Zeit wird das zum Alltag: Still, unauffällig, kaum greifbar und genau darin liegt die Herausforderung, denn diese Form von Gewalt zeigt sich nicht in klaren Bildern, sie hinterlässt keine sichtbaren Spuren: aber diese Gewalt prägt tief und nachhaltig.
Gewalt beginnt nicht erst mit dem Moment, in dem etwas eskaliert. Gewalt beginnt viel früher, wenn sich Beziehungen verändern, wenn Kontrolle leise wächst, wenn Unsicherheit Raum einnimmt und wenn Menschen beginnen, sich anzupassen, um Spannungen zu vermeiden.
In diesen frühen, oft unscharfen Momenten läge auch die Möglichkeit zur Prävention und nicht erst dann, wenn Gewalt öffentlich wird. Gewalt beginnt dort, wo ein Gefühl entsteht, dass etwas nicht stimmt und dort, wo ein Gespräch den Unterschied machen kann.
Zwischen 2020 und 2022 haben wir dafür das Gewaltpräventionsprogramm „Pro-Kind“ entwickelt und sind damit bei der Landes- und Bundespolitik auf völliges Desinteresse gestoßen und daher meine Bitte: „Manchmal beginnt – und wir hoffen immer noch – Veränderung genau dort, wo jemand den Mut hat den Politiker:innen zu sagen: „Irgendetwas stimmt hier nicht.“
LG Günther