23. Mai 2026
Wir reagieren gut auf Gewalt, aber wir verhindern sie zu selten

Österreich hat starke Schutzsysteme: Betretungsverbote, Wegweisungen, spezialisierte Beratung und viele Einrichtungen, die unverzichtbare Arbeit leisten. Und doch bleibt eine unbequeme Wahrheit: Wir greifen erst ein, wenn Gewalt bereits sichtbar ist.
Patriarchale Gewalt beginnt jedoch selten mit dem ersten Übergriff. Sie wächst leise; in Kontrolle, Abhängigkeit und schleichenden Grenzverschiebungen. In Sätzen wie: „Ich will dich nur schützen.“, in kleinen Entscheidungen, die Freiheit einschränken oder auch in einem Gefühl, dass etwas nicht mehr ganz stimmig ist.
Diese frühen Dynamiken übersehen wir nach Jahrzehnten immer noch und genau hier liegt das Problem zum Schutz der Frauen und Kinder. Unsere Politik investiert seit Jahrzehnten in Intervention: wenn Gefahr akut ist, wenn Fälle sichtbar werden, wenn Handlungsdruck entsteht.
Prävention dagegen ist leiser und vor allem komplexer: und deshalb strukturell so gut wie nicht vorhanden. Doch wer Gewalt erst im akuten Stadium bekämpft, kommt zu spät!!!!!! und daher macht es sich unsere Politik seit Jahrzehnten zu leicht und ist daher zumindest auch moralisch für die vielen Morde an Frauen mitverantwortlich.
Echte Prävention beginnt früher:
Wenn wir Kontrolle als Problem erkennen, wenn wir über Macht, Grenzen und Gleichwertigkeit sprechen und wenn wir auch Männer frühzeitig erreichen. Das sind (wären) die Voraussetzungen dafür, dass Frauen und Kinder früher gestärkt und geschützt und Schutzsysteme überhaupt entlastet werden.
Was wir in Österreich daher dringend brauchen, ist einen Perspektivenwechsel: Weg von der Frage: „Was tun wir, wenn Gewalt passiert?“ hin zu: „Was tun wir, damit sie gar nicht erst entsteht?“
Prävention scheitert daher nicht am Wissen, sondern politisch am Nicht-Handeln im richtigen Moment, denn patriarchale Gewalt verhindern heißt, nicht nur Täter:innen stoppen, sondern Beziehungen, Normen und Wahrnehmungen verändern.
LG Günther