11. Mai 2026

Zwischen Verhalten und Dynamik: Der Blick in die Klasse

In Kürze in Kärnten im Einsatz, werden mir Pädagog:innen nach der systemischen Analyse ihrer Klasse diese Frage stellen: „Wie bewertest du meine Klasse?“ und meine Antwort darauf überrascht oft, denn ich bewerte keine Klassen, sondern ich beobachte Systeme zwischen Verhalten und Dynamik mit einem systemischen Blick hinter bzw. in die Klasse.

Seit über zehn Jahren arbeite ich österreichweit in allen Schulformen und Schulstufen als Trainer für systemische Mobbing- und Gewaltprävention sowie Intervention. In dieser Zeit habe ich Trends wahrgenommen und gelernt: Eine Klasse ist niemals „gut“ oder „schlecht“, sie zeigt lediglich, wie sicher, verbunden und orientiert sich junge Menschen innerhalb ihres sozialen Systems fühlen.

Hinter Konflikten, Ausgrenzung oder aggressivem Verhalten stehen selten „schwierige Kinder“. Viel häufiger zeigen sich Dynamiken, Rollenverteilungen und unausgesprochene Regeln innerhalb der Gruppe und genau dort setzt systemische Arbeit an.

Meine Aufgabe besteht daher nicht darin, Schuldige zu suchen oder vorschnelle Urteile zu fällen. Ich analysiere Beziehungen, Kommunikationsmuster, Gruppendruck, Führungsrollen und soziale Unsicherheiten. Erst dadurch wird sichtbar, warum bestimmte Situationen entstehen und welche Veränderungen nachhaltig wirken können.

Professionelle Prävention bedeutet für mich, nicht erst bei Eskalationen zu handeln, also zu spät für die Betroffenen zu sein, sondern sie beginnt dort, wo Schulen bereit sind hinzusehen, Muster zu erkennen und soziale Prozesse ernst zu nehmen.

Besonders wertvoll ist dabei die Zusammenarbeit mit Pädagog:innen und Schulleitungen, denn erfolgreiche Intervention entsteht nicht durch kurzfristige Maßnahmen, sondern durch gemeinsames Verstehen und konsequente Beziehungsarbeit.

Wenn mich also jemand fragt: „Wie bewertest du meine Klasse?“, lautet meine Antwort: „Ich bewerte keine Menschen, ich mache Dynamiken sichtbar, damit Entwicklung möglich wird.“

LG Günther