6. Juni 2026

Wenn Kinder beginnen, Fremdbilder zu glauben

Mobbing verletzt nicht nur durch Worte, Blicke, Ausschluss oder digitale Demütigung. Die tiefste Verletzung beginnt oft dort, wo Betroffene anfangen, das Bild zu übernehmen, das andere von ihnen zeichnen. „Vielleicht stimmt es ja.“ „Vielleicht bin ich wirklich komisch.“ „Vielleicht liegt es an mir.“ Genau hier wird es gefährlich.

Mobbing endet nicht dort, wo ein Angriff vorbei ist. Mobbing wirkt weiter, wenn sich aus wiederholter Demütigung ein inneres Fremdbild entwickelt oder wenn Kinder und Jugendliche beginnen, sich mit den Augen jener zu sehen, die sie kleinmachen, ausgrenzen oder entwerten. 

Nicht jedes betroffene Kind weint und nicht jeder Jugendliche spricht darüber. Manche werden aggressiv, manche ziehen sich zurück, manche funktionieren weiter und manche lachen sogar mit, um dazuzugehören. Doch innerlich beginnt etwas zu kippen: Aus Unsicherheit wird Scham, aus Scham wird Selbstzweifel und aus Selbstzweifel wird ein beschädigtes Selbstbild.

An uns Erwachsene – und hier besonders an Eltern und Pädagog:innen – richtet sich deshalb eine unbequeme Frage: Wie lange warten wir, bis wir reagieren? Bis das Kind nicht mehr in die Schule will, bis die Noten abstürzen, bis psychosomatische Beschwerden auftreten, bis Rückzug, Selbstverletzung, Verzweiflung sichtbar werden oder bis jemand Suizid begeht?

Kein Kind sollte ein Bild von sich tragen müssen, das durch Demütigung entstanden ist und daher ist es unsere Aufgabe als Erwachsene, Mobbing zu stoppen und Kinder davor zu schützen, sich selbst in ein Fremdbild zu verlieren.

LG Günther