Brandbrief aus Österreichs Klassenzimmern

Offener Brief an Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler Christian Stocker, Vizekanzler Andreas Babler, Bildungsminister Christoph Wiederkehr sowie die Mitglieder der österreichischen Bundesregierung und der Landesregierungen

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
Sehr geehrter Herr Vizekanzler!
Sehr geehrte Damen und Herren der Bundesregierung!
Sehr geehrte Landeshauptleute!


Das Schuljahr 2026/27 hat gerade erst begonnen und der erste Hilferuf einer Mutter hat mich bereits erreicht. Ihr Sohn besucht die 4. Klasse Volksschule. Er wird beschimpft, ausgegrenzt, von einer Slackline gestoßen, am Betreten der Garderobe gehindert, seine Schulsachen werden beschädigt, Löcher in seine Kleidung geschnitten und immer häufiger kommt er weinend nach Hause und morgens möchte er nicht mehr in die Schule.

Die Mutter schreibt auch einen Satz, der mich besonders beschäftigt: Anfangs habe sie versucht die Klassenlehrerin zu informieren und um „Klärung“ gebeten, aber da kamen dann meistens Antworten wie: „Ich war nicht dabei“, „Ich habe es nicht gesehen“, „die Kinder müssen das untereinander ausmachen“. Mittlerweile befindet sich ihr Kind in psychologischer Behandlung.

Dieser Brief handelt aber nicht von einem Kind, er handelt von Österreich und wir wissen längst, dass wir ein Problem haben! Aktuelle PISA-Daten 2025 zeigen, dass in Österreich 24 Prozent der befragten 15-Jährigen angeben, zumindest einige Male pro Monat von mindestens einer Form von Mobbing betroffen zu sein; fast jede bzw. jeder Vierte.

Österreich hatte zuletzt rund 1,19 Millionen Schüler:innen. Würde man die Größenordnung der PISA-Ergebnisse – ausdrücklich nur als Modellrechnung – auf alle Schüler:innen übertragen, entspräche das rund 285.000 jungen Menschen.

285.000 mögliche Geschichten, 285.000 Kinder und Jugendliche, hinter denen Eltern, Geschwister, Freund:innen, Pädagog:innen und ganze Klassengemeinschaften stehen. Vermutlich kennen wir einen erheblichen Teil dieser Geschichten überhaupt nicht, denn Kinder schweigen, Eltern erkennen Mobbing manchmal erst spät, Pädagog:innen interpretieren Vorfälle als Konflikte, Schulen hoffen auf Selbstregulation und manches Kind lernt dabei eine verheerende Lektion: Ich muss das aushalten.


Wie teuer ist unser Zuwarten?

Mobbing ist nicht nur menschlich teuer, es kann psychische Gesundheit beeinträchtigen, Lernen erschweren, Fehlzeiten und Schulvermeidung begünstigen und langfristige Folgen verursachen. Damit entstehen Kosten im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem und langfristig auch für unsere Volkswirtschaft.

Die OECD weist 2026 ausdrücklich auf diese gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgekosten hin. Internationale Berechnungen zu evaluierten Anti-Mobbing-Programmen zeigen gleichzeitig, welches ökonomische Potenzial Prävention besitzen kann: Je nach Land, Programm und Berechnung wurden langfristige Erträge von etwa 1,6 bis 7,5 Euro je investiertem Euro geschätzt.

Diese Werte dürfen nicht einfach auf Österreich übertragen werden, aber sie stellen eine entscheidende Frage: Was wäre, wenn wir Prävention nicht länger ausschließlich als Ausgabe, sondern als Investition betrachten würden und was wäre der volkswirtschaftliche Wert, wenn weniger Kinder psychologische und psychotherapeutische Behandlung benötigen? 

Wenn weniger Jugendliche Schule vermeiden oder abbrechen, wenn Eltern weniger Arbeitszeit verlieren, weil ihre Kinder nicht mehr in die Schule können, wenn Pädagog:innen früher erkennen, was in einer Gruppe geschieht oder auch wenn aus verletzten Kindern nicht Erwachsene werden, die die Folgen ihrer Schulzeit noch Jahrzehnte mittragen?

Prävention schafft keine Produkte, Prävention erhält menschliches Potenzial und genau darin liegt ihre vielleicht größte Wertschöpfung.


Österreich braucht einen nationalen Schulterschluss

Ich arbeite seit Jahrzehnten mit Kindern, Jugendlichen, Eltern und Pädagog:innen. Auch in diesem Schuljahr werde ich wieder in Volksschulen, Mittelschulen, Gymnasien, HTLs und berufsbildenden Schulen stehen und rund 2.000 Personen erreichen.

Was ich dort erlebe, lässt mich zu einem Schluss kommen:

Wir brauchen keine weitere kurzfristige Kampagne gegen Mobbing, wir brauchen eine österreichweite, langfristige und wissenschaftlich begleitete Präventionsstrategie gegen Mobbing und Gewalt an Schulen.

Eine Strategie, die bereits im Kindergarten beginnt, die Gruppendynamik berücksichtigt, die Pädagog:innen qualifiziert, die Eltern einbezieht, die Kindern niedrigschwellige Hilfe ermöglicht, die Schulen nicht erst unterstützt, wenn ein Fall eskaliert und die regelmäßig erhebt, ob unsere Maßnahmen tatsächlich wirken. Vor allem aber brauchen wir einen politischen Perspektivenwechsel: Weg von der Reparatur – hin zur Prävention.

Deshalb richte ich diesen Brief an Sie

Herr Bundespräsident, Herr Bundeskanzler, Herr Vizekanzler, Herr Bildungsminister, sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung, sehr geehrte Landeshauptleute:

Machen Sie Mobbingprävention zu einer österreichweiten Aufgabe.

Holen Sie Praktiker:innen, Wissenschaft, Pädagogik, Psychologie, Kinder- und Jugendhilfe, Eltern und vor allem junge Menschen an einen Tisch. Erheben wir endlich systematisch, was in unseren Schulen tatsächlich passiert und definieren wir Qualitätsstandards für Prävention und Intervention und berechnen wir nicht nur, was Prävention kostet, berechnen wir endlich auch, was Österreich das Nichtstun kostet. 

Der Hilferuf dieser Mutter kam wenige Tage nach Schulbeginn, bis zum Ende dieses Schuljahres werden noch sehr viele folgen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Österreich ein Problem mit Mobbing hat, die entscheidende Frage lautet: Wie viele Hilferufe brauchen wir noch, bevor Prävention zur politischen Priorität wird?


Mit freundlichen Grüßen

Günther Ebenschweiger
Trainer für „repuls – Systemische Prävention gruppendynamischer Mobbing- und Gewaltprozesse“

Mail: info@mobbing-zentrum.at
Tel: +43-676-4 25 4 25 4
Web: www.aktivpraeventiv.at
Web www.mobbing-zentrum.at