Offener Brief Juni 2026
Wer schützt unsere Kinder? Ein Appell aus der Praxis!
Sehr geehrter Hr. Bundeskanzler Dr. Christian Stocker,
sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung,
sehr geehrte Abgeordnete aller im österreichischen Parlament vertretenen Parteien,
ich schreibe Ihnen diesen Brief aus einer tiefen persönlichen und fachlichen Betroffenheit heraus. Seit vielen Jahren arbeite ich als Trainer für systemische Mobbing- und Gewalt-Prävention- und Intervention mit Kindern, Jugendlichen, Familien, pädagogischen Fachkräften und Institutionen.
Diese Arbeit ermöglicht mir Einblicke in Lebensrealitäten, die vielen Menschen verborgen bleiben. Sie konfrontiert mich täglich mit Schicksalen, die selten Schlagzeilen machen, deren Auswirkungen jedoch für die betroffenen Kinder, Jugendlichen und ihr soziales Umfeld, oft ein Leben lang spürbar bleiben.
In den vergangenen Jahren hat sich in mir zunehmend die Sorge verfestigt, dass wir als Gesellschaft und insbesondere als politisch Verantwortliche, die tatsächliche Dimension von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche unterschätzen.
Ich spreche dabei nicht nur von körperlicher Gewalt. Ich spreche von Mobbing, von digitaler Gewalt, von sexualisierten Übergriffen, von patriarchalen Machtstrukturen, von psychischer Gewalt, von Demütigungen, Ausgrenzung und von Gewalt in der Erziehung. Ich spreche von Erfahrungen, die das Fundament eines jungen Lebens erschüttern können.
Fast täglich begegne ich Kindern und Jugendlichen, die unter den Folgen solcher Gewalterfahrungen leiden. Hinter jedem Fall steht ein junger Mensch mit Hoffnungen, Talenten und Zukunftsplänen.
Doch anstatt Geborgenheit und Sicherheit zu erleben, wachsen viele von ihnen mit Angst, Scham, Selbstzweifeln und dem Gefühl auf, nicht geschützt zu sein und die Folgen reichen weit über den eigentlichen Vorfall hinaus. Gewalt hinterlässt Spuren im Selbstwertgefühl, in der Fähigkeit, Beziehungen zu vertrauen, in der schulischen Entwicklung und nicht selten auch in der körperlichen und psychischen Gesundheit.
Besonders berührt mich dabei die Tatsache, dass viele Kinder und Jugendliche lange Zeit versuchen, ihre Belastungen allein zu tragen. Sie schweigen aus Angst, aus Loyalität gegenüber nahestehenden Personen oder weil sie befürchten, nicht ernst genommen zu werden. Manche haben verlernt, Hilfe zu erwarten. Andere wissen nicht einmal, an wen sie sich wenden könnten.
- Ich denke an ein Mädchen, das über Monate hinweg Zielscheibe von Ausgrenzung, Beschimpfungen und digitalen Angriffen war. Was von Erwachsenen zunächst als gewöhnlicher Konflikt unter Jugendlichen betrachtet wurde, entwickelte sich zu einer täglichen Belastung, die schließlich dazu führte, dass der Schulbesuch selbst zur Herausforderung wurde.
- Ich denke an einen Jugendlichen, der sexualisierte Grenzverletzungen erlebt hatte und lange niemandem davon erzählen konnte, weil Scham und Angst stärker waren als sein Vertrauen in die Unterstützung Erwachsener.
- Ich denke an Kinder, die in Familien aufwachsen, in denen psychische Gewalt, Drohungen oder Erniedrigungen zum Alltag gehören und die gar nicht wissen, dass das, was sie erleben, nicht normal ist.
- Ebenso denke ich an Eltern, die ihre Kinder lieben und dennoch an ihre Grenzen geraten. An Familien, die Hilfe suchen, aber oft erst dann Unterstützung erhalten, wenn die Belastungen bereits eskaliert sind.
- An Pädagoginnen und Pädagogen, die Warnsignale erkennen, jedoch nicht immer über ausreichende Ressourcen verfügen, um angemessen reagieren zu können.
- Und ich denke an die vielen engagierten Fachkräfte, die täglich Großartiges leisten, deren Möglichkeiten jedoch häufig durch strukturelle Grenzen eingeschränkt werden.
All diese Erfahrungen führen mich zu einer Frage, die ich Ihnen heute stellen möchte: Warum handeln Politiker:innen nicht entschlossener?
- Wir wissen heute so viel wie nie zuvor über die Entstehung von Gewalt und ihre Folgen;
- wir wissen, dass frühe Belastungen die Entwicklung von Kindern nachhaltig beeinflussen können;
- wir wissen, dass Prävention wirksam ist;
- wir wissen, dass frühzeitige Unterstützung Leid verhindern kann und
- wir wissen auch, dass die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgekosten von Gewalt um ein Vielfaches höher sind als die Investitionen, die notwendig wären, um Gewalt vorzubeugen.
Trotz dieses Wissens entsteht in der Praxis häufig der Eindruck, dass wir als Gesellschaft noch immer mehr Energie in die Reparatur entstandener Schäden investieren als in deren Verhinderung. Dabei sollte gerade der Schutz von Kindern und Jugendlichen zu den zentralen Aufgaben eines modernen und verantwortungsbewussten Staates gehören.
Kinder verfügen über keine politische Macht, sie haben keine Lobbyorganisationen, verfügen über keine Budgets und sitzen an keinem Verhandlungstisch und gerade deshalb sind sie darauf angewiesen, dass Erwachsene ihre Interessen vertreten und ihre Rechte schützen. Der Umgang mit den jüngsten und verletzlichsten Mitgliedern unserer Gesellschaft ist letztlich ein Maßstab für unsere Menschlichkeit und für die Glaubwürdigkeit unserer politischen Werte.
Ich appelliere daher an Sie alle, den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt zu einer parteiübergreifenden nationalen Priorität zu machen. Dieses Thema darf nicht Gegenstand ideologischer Auseinandersetzungen sein, es geht nicht um parteipolitische Erfolge und es geht um die Frage, in welcher Gesellschaft unsere Kinder aufwachsen sollen.
Österreich braucht aus meiner Sicht eine umfassende politische Haltung zur Gewaltprävention und zum Kinderschutz.
- Es braucht flächendeckende und niederschwellige Unterstützungsangebote für Kinder, Jugendliche und Familien.
- Es braucht ausreichend finanzielle und personelle Ressourcen für Präventionsarbeit, für Früherkennung, für Intervention und für Nachsorge.
- Es braucht eine stärkere Vernetzung zwischen Bildungseinrichtungen, Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitswesen, Sicherheitsbehörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen.
- Vor allem aber braucht es den politischen Willen, frühzeitig zu handeln und nicht erst dann, wenn tragische Einzelfälle öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen.
Jedes Kind, das Gewalt erlebt, sendet Signale und die entscheidende Frage ist nicht, ob wir diese Signale wahrnehmen können, die entscheidende Frage ist, ob wir bereit sind, daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.
Fehlende Prävention ist kein unvermeidbares Schicksal, sie ist eine gesellschaftliche und politische Entscheidung. Und auch das Unterlassen von Handlungen hat Folgen: für die betroffenen Kinder, für ihre Familien und letztlich für uns alle.
Ich schreibe diesen Brief nicht aus Hoffnungslosigkeit. Im Gegenteil: Ich begegne täglich Kindern und Jugendlichen die mutig sind, die bereit sind über ihre Schicksale zu reden und den Wunsch äußern, gewaltfrei aufwachsen zu dürfen und ich begegne Erwachsenen, die sich mit großem Engagement für Kinder und Jugendliche einsetzen
Aus den genannten Gründen bin ich überzeugt, dass Veränderung möglich ist. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Sie als politisch Verantwortliche, den Schutz von Kindern nicht als Randthema, sondern als eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben unseres Landes betrachten müssen.
Unsere Kinder haben keine Zeit, auf bessere politische Rahmenbedingungen zu warten. Sie brauchen Schutz, Unterstützung und Aufmerksamkeit heute und daher bitte ich Sie eindringlich: Hören Sie hin. Schauen Sie hin. Handeln Sie.
Mit freundlichen Grüßen
Günther Ebenschweiger
Trainer für systemische Mobbing- und Gewalt-Prävention- und Intervention
Trainer für systemisches Konfliktmanagement
Trainer für phänomenübergreifende Radikalisierungsprävention
Berater für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz
+43-676-4 25 4 25 4
info@ebenschweiger.at
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