19. Januar 2019

Häusliche Gewalt

Reparatur statt Prävention: und damit auch keine Hilfe für tausende Kinder!

„Die Schläge, die meine Mama bekam, spürte ich in meinem Bauch von einem hin und her Zerren … das machte mich traurig, und [ich] bekam Angst. Mein Bauch hatte Angst, manchmal hatte er um meine Mama Angst, manchmal sogar hatte ich um meinen Vater Angst. Dass er nicht weiß, was er tut“.

„Manchmal habe ich mir gewünscht, dass ich nicht lebe, manchmal habe ich mir gewünscht, dass ich auf der Stelle tot sein soll.“

Aus der Studie „Kinder legen Zeugnis ab – Gewalt gegen Frauen als Trauma für Kinder“ (2001) von Philomena Strasser.

Die Auswirkungen
In einem Zuhause, in dem „häusliche Gewalt“ herrscht, sind Kinder und Jugendliche einem extrem hohen Risiko ausgesetzt, traumatisiert zu werden. 

Die betroffenen Mädchen und Jungen wachsen in einem Klima auf, das geprägt ist von Zerstörung, Angst, Demütigung und Sprachlosigkeit. Der Ort, an dem sie Sicherheit und Geborgenheit erfahren sollten, wird von ihnen als bedrohlich, verletzend und schutzlos erlebt. Ihre Eltern stehen ihnen nicht (mehr) als Bezugspersonen und Beschützende zur Seite. Sie verlieren das Vertrauen und häufig auch den Respekt und die Wertschätzung gegenüber den Eltern.  

Die Kinder und Jugendlichen spüren, dass über die erlittene Gewalt nicht gesprochen werden darf und bleiben mit ihren schrecklichen Erlebnissen alleine. Sie versuchen, die Verantwortung für jüngere Geschwister zu übernehmen sowie die Mutter zu trösten und zu unterstützen. Nicht selten wird v. a. das älteste Kind zum Ersatzpartner.  

Viele Kinder suchen die Schuld für die Gewalt bei sich. Sie sind mit der belastenden Situation völlig überfordert. 

Elementare kindliche Grundbedürfnisse wie das Bedürfnis nach Zuwendung, Bindung und Schutz können nicht in ausreichendem Maß erfüllt werden, wenn „häusliche Gewalt“ ausgeübt wird. 

Doch was folgt?
Das wiederkehrende „Straferhöhungs-Ritual“

Kinder, die noch nicht Opfer sind und die tausenden Kinder, die schon Opfer sind, werden einfach, brutal und – für mich hat es des Anschein – emotionslos „übersehen“!

Das Schamgefühl ist neben Ohnmacht, Stockholm-Syndrom uvm. ein Grund, warum viele Opfer vielfach Jahrzehnte oder das ganz Leben nichts von ihrem Martyrium erzählen und keine Hilfe suchen!

Und schämen sollten sich auch all jene, denen nicht mehr einfällt, als Strafen zu erhöhen, neue Hotlines zu schaffen und – wie die vielen Jahrzehnte davor – nur über „Reparatur“ von Gewalt reden und dabei übersehen, dass sie damit Kinder und Frauen zu Opfern werden lassen. 

Bitte entschuldigen Sie meinen Sarkasmus, aber wenn ich die derzeitige Diskussion über erhöhte Strafen – die reflexartig regelmäßig als Ritual erfolgen – weiterspinne, dann wird in einigen Jahren – ich werde das zwar nicht mehr erleben – für Häusliche Gewalt bzw. Mord eine lebenslange Freiheitsstrafe stehen müssen?!

Gleichzeitig erhöhen wir damit die Schwelle für Opfer, eine Anzeige zu erstatten oder sich an die Öffentlichkeit zu wenden!

Nelson Mandela hat geschrieben: 
„Wir sind es unseren Kindern, den schwächsten Bürgern einer jeden Gesellschaft, schuldig, dass sie ein Leben ohne Gewalt und Furcht leben können. Deshalb müssen wir unsere Anstrengungen nicht nur unermüdlich auf Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand richten, sondern diese Werte auch für die einzelne Gemeinschaft und für die Angehörigen derselben Familie anstreben. 

Wir müssen die Gewalt bei ihren Wurzeln packen. Nur so kann aus der erdrückenden Erblast eine warnende Lehre werden.“

Was in dieser „Haltung“ daher seit Jahrzehnten – und ich bin überzeugt, trotz besseren Wissens – fehlt, sind 

  • der vorbeugende Schutz direkt und indirekt als ZeugInnen betroffener Kinder,
  • der Schutz der „nur“ als ZeugInnen betroffenen Kinder – das sind 99 Prozent aller Kinder bei Häuslicher Gewalt – die bis zu 80 Prozent kognitive und emotionale Schädigungen bis hin zur PTBS und Traumata erleiden und
  • die wirksame und nachhaltige Möglichkeit der Prävention!

´╗┐Das heißt konkret, dass diese Kinder die Opfer- und | oder Täterrolle ins Erwachsenen-Sein mitnehmen und wir es somit zulassen, dass sich Gewalt potenziert, denn diese Erfahrungen werden weiterverarbeitet und verfestigen sich in geschlechtstypischen Rollenbildern.

Mit Worten von Gro Harlem Brundtland – sie war Generaldirektorin der WHO – richte ich an alle meine Bitte um Hilfe zur Prävention von Häuslicher Gewalt und damit zum vorbeugenden Schutz von Kindern und Frauen!

„In vielen Forschungen klingt immer wieder durch, wie wichtig es ist, Gewalt von vornherein zu verhüten. Selbst geringfügige Investitionen können hier großen und anhaltenden Nutzen bringen, doch nur, wenn die politische und gesellschaftliche Akzeptanz dafür vorhanden und die Bemühungen von einer ganzen Bandbreite von Partnern im öffentlichen und privaten Zusammenhang unterstützt werden.
Die Public Health (Gesundheitsförderung) hat in den letzten Jahrzehnten bemerkenswerte Erfolge erzielt, vor allem konnten zahlreiche Kinderkrankheiten erfolgreich eingedämmt werden. 

Doch die Public Health würde versagen, wenn sie unsere Kinder vor diesen Krankheiten rettete, nur um sie später zu Gewaltopfern werden zu lassen und sie an der von lntimpartnern ausgehenden Gewalt zugrunde gehen zu sehen.“

Es ist nicht nur die Zukunft dieser Kinder und Frauen; es ist insbesondere unsere Zukunft!

Bitte helfen Sie zu stärken und zu schützen!

MfG
Günther Ebenschweiger
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