1. Oktober 2023

Paul’s Geschichte

Ich habe gestern über Kinderarmut geschrieben und ja, in den vielen Jahren meiner täglichen präventiven Arbeit gegen sexualisierte Gewalt und Mobbing in Schulklassen kann ich sagen, dass ich das als „Trend“ wahrnehme; auch wenn es oft nicht sichtbar wird. Armut hat Vorbehalte in unserer Gesellschaft und wirkt beschämend und stigmatisierend auf betroffene Kinder und Familien. Wirklich zu spüren ist das zum Beispiel in der erhöhten Inanspruchnahme der Vinzigemeinschaften durch Eltern. Zum Thema Kinderarmut ist mir Paul’s Geschichte (Name geändert) eingefallen. In einer Klasse gab es Mobbing. Am Ende der systemischen Prävention fing plötzlich Paul herzergreifend zu weinen an. Auf meine Frage, was er sich denn wünsche, sagte er: „Ich wünsche mir Freunde!“und viele Kinder waren sofort bereit, mit Paul in den Pausen zu spielen. Paul war eines von mehreren Kindern und seine Eltern waren offensichtlich – auch wegen der finanziellen Situation – überfordert, denn Paul hatte fast immer die gleiche Kleidung an. Über Drängen der Kinder kauften dann andere Eltern Paul im Second-Hand-Shop Kleidung und ein prosozialer Klassen-Normenrahmen stabilisierte sich. Drei Wochen später rief mich die Direktorin an und fragte mich, wie ich dieses „Wunder“ vollbracht hätte. Nun, es braucht kein „Wunder“, sondern eine solide theoretische Fundierung, Empathie, Persönlichkeit, Authentizität, das (Auf-)Spüren von Bedürfnissen und die persönliche Haltung, um Vertrauen, Zutrauen und Resonanz zu erzeugen. Klingt simpel, muss aber gelernt sein!

LG Günther